Vom Wunsch anders zu sein

Eine meiner Eigenschaften ist es, dass ich ständig anders sein möchte, als ich es bin. Als ich jünger war, wollte ich immer wie Hermine Granger aus Harry Potter sein. So schlau, so begabt, so diszipliniert. Natürlich war ich nicht wie Hermine.

Jetzt ist es immer noch so. Ich möchte so erfolgreich, so schön, so reich, so tapfer, so gutherzig, so klug, so umwerfend, so gerecht wie jemand anderes sein. Darüber verliere ich das aus den Augen, was ich habe. Das was ich bin. Indem ich mich mit anderen messe, die durch ihre besondere Eigenschaft berühmt geworden sind, fühle ich mich schlecht, unterlegen. Dass mein Ehrgeiz dadurch angeregt wird, passiert nur noch äußerst selten. Und so sind die Tage frustrierend, ich mag mich nicht besonders, denn was habe ich außer "ich bin nicht so gut wie..." schon geleistet?

Besonders die Disziplin fehlt mir. Ich wäre so gern disziplinierter. Das scheint ja noch nicht einmal schwer. Man muss es einfach nur tun. Nur das tun, was man sich vorgenommen hat. Aber die Realität ist doch irgendwie anders. Irgendwas ist in meinem Kopf, dass mich daran hindert, einfach das zu tun, was ich tun will oder was ich tun müsste.

Mein Tag eines perfekten "Ichs" in meiner Vorstellung, sieht so aus: Früh aufstehen, etwas gesundes essen, zum Sport, in die Hochschule, arbeiten, lernen, arbeiten, üben, lernen, in den Pausen an die frische Luft und wieder etwas gesundes essen, zwischendurch die Kommilitonen treffen und endlich einmal nicht stumm daneben stehen, sondern charmant und trotzdem schlagfertig an einem Gespräch teilnehmen. Jemanden zum Lachen bringen. Nachdem ich alles geschafft habe, was ich mir vorgenommen habe, nach Hause, aufräumen, sich eine halbe Stunde nur entspannen, etwas ehrenamtliches tun, kochen, meinen Gedächtnispalast erweitern, mit meinem Freund skypen, und vor dem schlafen gehen noch etwas lesen, nähen oder stricken. In einer aufgeräumten Wohnung, mit guter Ernährung und gutem Gefühl ins Bett gehen. Keine Stunden im Internet verschwenden. Nicht daran denken etwas tun zu müssen, es einfach tun.

Ich hätte sie immer noch gern. Die Disziplin von Hermine Granger.

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